Wenn ein Modell ins Wanken gerät – und trotzdem trägt: Ein ehrlicher Blick auf die Polyvagaltheorie und traumasensible Regulation
- Sarah Schoeneich

- vor 4 Tagen
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Die Polyvagaltheorie von Stephen Porges ist für viele Menschen, die mit Trauma und Stress arbeiten – therapeutisch oder persönlich – zu einer wichtigen Landkarte geworden. Sie hilft, innere Zustände zu verstehen, Reaktionen einzuordnen und Wege in Richtung Regulation zu finden.
Gleichzeitig ist in den letzten Jahren eine differenzierte wissenschaftliche Debatte entstanden: Teile der Theorie wurden kritisch hinterfragt und teilweise relativiert.
Was bedeutet das für die Praxis? Und vor allem: Was bleibt hilfreich?
Was an der Polyvagaltheorie kritisch diskutiert wird
Einige Aspekte der Theorie stehen heute stärker im Fokus wissenschaftlicher Kritik:
bestimmte "neuroanatomische Annahmen" zur genauen Funktionsweise des Vagusnervs
die "evolutionsbiologische Herleitung" der unterschiedlichen Nervensystem-Zweige
die klare "Differenzierung zwischen ventralem und dorsalem Vagus", die so möglicherweise komplexer ist als ursprünglich dargestellt
Diese Diskussionen sind wichtig – sie bringen Präzision und Weiterentwicklung. Sie bedeuten jedoch nicht, dass alles, was aus der Theorie hervorgegangen ist, "falsch“ ist.
Was weiterhin gut belegt und hilfreich ist
Unabhängig von theoretischen Details bleiben zentrale Erkenntnisse bestehen:
das "autonome Nervensystem" spielt eine entscheidende Rolle bei Stress und Regulation
"Co-Regulation" – also das Beruhigen durch andere Menschen – ist grundlegend für unser Wohlbefinden
ein Gefühl von "Sicherheit" ist Voraussetzung für soziale Verbindung
ein "körpernahes, neurobiologisches Modell" kann helfen, innere Zustände verständlich zu machen und einzuordnen
Diese Punkte bilden weiterhin eine tragfähige Grundlage – gerade für Menschen, die mit Dysregulation oder traumatischen Erfahrungen leben.
Drei Zustände des Nervensystems – einfach erklärt
Auch wenn die Theorie differenzierter betrachtet wird, hat sich ein vereinfachtes Modell bewährt:
**Grün (Regulation & Verbindung)**
Du fühlst dich sicher, präsent und in Kontakt – mit dir selbst und anderen. Dein System ist flexibel, du kannst reagieren statt nur zu reagieren.
**Orange (Aktivierung & Alarm)**
Dein Körper ist in erhöhter Spannung: Kampf oder Flucht werden vorbereitet. Du bist wachsam, vielleicht unruhig, gereizt oder ängstlich. (Hier ist wichtig zu erwähnen, dass auch orange ein natürlicher Zustand unseres Nervensystems ist, der z.B. eintritt, wenn wir Sport machen oder vor einer Präsentation aufgeregt sind. Das, was hinderlich ist, ist, wenn das System sich nicht gut von allein wieder Richtung grün reguliert)
* **Rot (Rückzug & Erstarrung)**
Das System schaltet aufgrund von extremer Übererregung herunter: Taubheit, Erschöpfung oder ein Gefühl von Abgeschnittensein können entstehen. Schutz durch "Abschalten“.

Diese Zustände sind keine Fehler – sie sind intelligente Schutzmechanismen deines Nervensystems.
Wenn das Erlebte im Körper bleibt
Trauma kann durch ein einzelnes erschütterndes Ereignis entstehen oder durch Erfahrungen, die sich über lange Zeit hinweg aufbauen. Oft ist das Geschehen im Außen längst vorbei – doch im Inneren wirkt es weiter.
Unser Nervensystem übernimmt in Momenten großer Überforderung die Führung. Instinktive Reaktionen wie Kampf, Flucht oder Erstarrung treten in den Vordergrund. Wenn diese Reaktionen nicht vollständig zu Ende geführt werden können, bleibt häufig eine Art innere Alarmbereitschaft bestehen.
Das kann sich zeigen als:
innere Unruhe oder Anspannung
Überwältigung oder emotionale Taubheit
Rückzug oder Schwierigkeiten, sich verbunden zu fühlen
Distanz zum eigenen Körper oder zu anderen Menschen
Regulation statt "Reparatur“
Ein traumasensibler Ansatz – etwa im Yoga – setzt nicht primär am "Aufarbeiten“ der Vergangenheit an, sondern im Hier und Jetzt.
Durch:
achtsame Bewegung
bewusste Atmung
sanfte Körperwahrnehmung
kann ein neuer Zugang entstehen: ein Gefühl von Sicherheit, Orientierung und innerem Raum.
Der Körper wird dabei zum Schlüssel. Neue, wohltuende Erfahrungen – sogenannte Referenzerfahrungen – ermöglichen es dem Nervensystem, Schritt für Schritt zu lernen, dass auch andere Zustände möglich sind.
Sicherheit entsteht nicht allein
Ein zentraler Aspekt, der auch unabhängig von theoretischen Debatten bestehen bleibt, ist die Bedeutung von **Co-Regulation**.
Heilung passiert nicht nur im Alleinsein.
Gerade in einem sicheren Gruppenrahmen kann etwas entstehen, das vielen lange gefehlt hat:
ein Gefühl von „Wir“
gesehen und wahrgenommen zu werden, so, wie man gerade ist
Unterstützung und Resonanz
Gemeinschaft kann tragen, spiegeln und Verbindung wieder erfahrbar machen.
Ein realistischer und hoffnungsvoller Blick
Auch wenn die Polyvagaltheorie in Teilen kritisch diskutiert wird, bleibt ihr praktischer Wert für viele Menschen bestehen – nicht als absolute Wahrheit, sondern als hilfreiche Orientierung.
Denn am Ende geht es nicht darum, ein perfektes Modell zu haben.
Sondern darum, Wege zu finden, mit dem eigenen Erleben umzugehen.
Trauma kann isolieren – doch Regulation entsteht in kleinen, wiederholten Erfahrungen von Sicherheit.
Und genau dort beginnt Veränderung:
Wenn du spürst, dass dein Zustand nicht festgeschrieben ist.
Dass dein Nervensystem lernen kann.
Und dass Verbindung – zu dir selbst und zu anderen – wieder möglich wird.



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